Licht ganzheitlich betrachtet

Ulrike Brandi zählt zu den Pionierinnen auf dem Gebiet der Lichtplanung. Als sie 1986 ihr Büro gründete, gab es im deutschsprachigen Raum noch nicht viele Lichtplaner – Hans Theodor von Malotki, Christian Bartenbach und Johannes Dinnebier prägten damals das Bild der noch jungen Disziplin. Mehr als 30 Jahre später weist das Büro Brandi Licht eine stattliche Liste von weltweiten Referenzprojekten auf. Zu den wichtigsten Arbeiten gehören neben dem Masterplan Rotterdam Lichtkonzepte für die Nationalbank in Kuala Lumpur, den Bahnhof Rotterdam Centraal, das British Museum in London, das Mercedes-Benz Museum in Stuttgart und für die Elbphilharmonie Hamburg. Wir sprachen mit Ulrike Brandi (UB) in ihrem Hamburger Büro am Stadtdeich.

Lux Select: Nach beinahe zehn Jahren Bauzeit ist die Elbphilharmonie am 11. Januar 2017 endlich eröffnet worden. Der Neubau wird weltweit als Meilenstein der Stadtarchitektur gefeiert. Wie fühlt sich das für Sie an?

Ulrike Brandi: Großartig! Schon allein deshalb, weil wir mit Architekten zusammengearbeitet haben, die eine wunderschöne Architektur entwickelt haben. Es ist eine bahnbrechende Idee, auf diesen historischen Kaispeicher an der westlichen Spitze der HafenCity etwas ganz anderes, einen „Eisblock“ aus Glas aufzusetzen. Auch die Distanz zwischen Alt und Neu zu wahren, fi nde ich konzeptionell klasse. Der Bauplatz ist einer der aufregendsten und prominentesten, den wir in der Stadt haben: von drei Seiten wasserumrahmt und mit freier Sonneneinstrahlung ringsherum. Für solch ein Projekt das Licht zu planen, ist eine Offenbarung.

Lux Select: Sie haben ein besonders zurückhaltendes Lichtkonzept entwickelt. Warum nicht etwas mehr Glamour für Hamburgs neues Wahrzeichen?

Ulrike Brandi: Die Architektur der Elbphilharmonie ist stark genug, deshalb wollten wir mit dem Licht kein Nebenspektakel eröffnen. Es ist dienend und zurückhaltend und arbeitet mit einfachen optischen Prinzipen. Beispielsweise haben wir auf eine nächtliche Illumination von außen verzichtet. In der HafenCity ist ausreichend Streulicht aus der Umgebung vorhanden, und das Konzerthaus ist auch ohne eigene Anstrahlung nachts gut sichtbar.

Lux Select: Wie kamen Sie nach dem Industrial Design Studium bei Dieter Rams an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg zur Lichtplanung?

Ulrike Brandi: Wenn ich zurückblicke, fi ng mein beruflicher Werdegang wahrscheinlich in der Dunkelkammer meiner Mutter an. Sie war Architekturfotografi n und ich konnte bei ihr diesen magischen Moment immer wieder miterleben: Auf einem Papier entsteht plötzlich das Foto, das man über den Vergrößerungsapparat mit Licht darauf gezaubert hat. Ich habe vor dem Industrial Design Studium Romanistik studiert, war eigentlich in alle Richtungen neugierig, habe mich für ganz verschiedene Fachbereiche interessiert und mit Licht schließlich meine Berufung gefunden. Der Startschuss für meine Selbstständigkeit fi el 1987 mit dem Auftrag, einen Sonnenkörper für die Eingangshalle der Folkwangschule in Essen zu entwerfen.

Lux Select: Sie arbeiten heute mit international renommierten Architekturbüros zusammen. Auffällig viele Lichtkonzepte realisieren Sie dabei mit dem britischen Architekten Ian Ritchie. Was zeichnet diese besondere Zusammenarbeit aus?

Ulrike Brandi: Mit Ian Ritchie verbindet mich eine langjährige Zusammenarbeit. Ich schätze seine Gestaltungsauffassung und bin mit ihm auf einer Wellenlänge. Er hat eine künstlerische Idee und interessiert sich ebenso für die technische Umsetzung. Außerdem versteht er Architektur wirklich als eine gesellschaftliche Aufgabe und stellt immer den Menschen, der das Gebäude (be)nutzt, in den Mittelpunkt.

Lux Select: Haben Sie eine spezielle Vorliebe für bestimmte Projekte?

Ulrike Brandi: Besondere Freude habe ich an der Lichtplanung für Museen. Hier versteht der Bauherr, dass an das Licht sehr hohe Anforderungen gestellt werden und ein Spezialist benötigt wird. Auf der einen Seite soll man die Exponate zeigen, auf der anderen Seite muss man sie schützen. Dazu gehört sehr viel Wissen. Aber ich arbeite auch sehr gerne an allen anderen Projekten – seien es Flughäfen, Bahnhöfe, öffentliche Bereiche bis hin zu Masterplänen für ganze Städte wie z. B. Rotterdam. Generell versuche ich mit der Lichtplanung, eine schöne Umgebung für Menschen zu schaffen – sowohl mit Tages- als auch mit Kunstlicht. Auch Arbeitsplätze und Büros fi nde ich sehr spannend. Insbesondere, weil das Thema oft unterschätzt wird. Es reicht eben nicht aus, nur eine gewisse Beleuchtungsstärke zu schaffen. Menschen halten sich täglich acht und mehr Stunden im Büro auf. Das Lichtkonzept muss dem Rechnung tragen; Büros sollten im Idealfall soviel Tageslicht haben, dass sie tagsüber vom Kunstlicht unabhängig sind.

Lux Select: In diesem Zusammenhang fällt immer häufi ger der Begriff ‚Human Centric Lighting’. Was verstehen Sie darunter?

Ulrike Brandi: Erst einmal müssen wir hinterfragen, ob wir wirklich Human Centric Lighting oder nicht etwa Computer Centric Lighting planen. Haben wir uns nicht zum Sklaven des Computers und der digitalen Geräte um uns herum gemacht, indem wir zuerst nach dem bildschirmgerechten Licht fragen? Wir sollten einen Schritt zurückgehen und berücksichtigen, dass es nicht gut ist, den ganzen Tag am Computer zu sitzen. Wäre es nicht das Gesündeste, zwischendurch mal Zeit zu haben, um nach draußen zu gehen und das Licht und die frische Luft zu genießen. Was uns das Tageslicht an Qualitäten bietet – seine Dynamik und Veränderbarkeit, ist einfach unübertroffen. Wir dürfen uns nicht einreden, dass wir das in Innenräumen künstlich herstellen können. Tageslicht kann man nicht imitieren, auch wenn man es noch soviel versucht. Auf der anderen Seite weiß man heute, dass kurzwelliges blaues Licht im Wellenlängenbereich um 490 nm den Melatonin- und Serotoninhaushalt steuert. Diese Erkenntnis ist wichtig, weil Schlafen für unsere Gesundheit essentiell ist. Aber auch viele andere medizinische Faktoren spielen hier eine Rolle. Von daher fi nde ich es gut, den Aspekt des biologisch und emotional wirksamen Lichts bzw. Human Centric Lighting oder Human Centric Design in alle Planungsprozesse einzubeziehen.

Lux Select: Sehen Sie Trends, wie Räume und Umgebungen mit Licht gestaltet werden?

Ulrike Brandi: LED-Filamant-Lampen sind zur Zeit sehr in Mode. Vielleicht ist das auch ein Zeichen für die unbewusste Sehnsucht der Menschen nach der vertrauten Glühlampe, nach warmem Licht und gedimmtem Glühfaden. LEDFadenlampen bilden das schon gut ab und haben diese besondere Stimmung. Das sollte uns zu denken geben, insbesondere in Bezug auf das aggressiv helle und blendende LEDLicht, das uns heute teilweise in Billboards, Screens und in der Außenbeleuchtung zugemutet wird. Was langfristige Trends betrifft, so habe ich einen bestimmten Wunsch: Lassen Sie uns nicht mehr nur über Energieeffi zienz sprechen sondern über Nachhaltigkeit..

Lux Select: Was verstehen Sie unter Nachhaltigkeit?

Ulrike Brandi: Nachhaltigkeit heißt für mich, nicht nur nach der Energieeinsparung zu fragen, sondern sich um den kompletten Lebenszyklus der Beleuchtung zu kümmern. Das fängt bei der Herstellung an, zieht sich bis zum Recycling, der Wiedernutzung oder Entsorgung und beinhaltet sowohl die gesamten Leuchtengehäuse inklusive der Komponenten als auch die LEDs. Neben der Umweltverträglichkeit müssen wir die gesellschaftliche Zuträglichkeit intensiv prüfen: Handelt es sich um faire Produktionsbedingungen? Tut es uns Menschen und Lebewesen gut? Sind wir gesund, weil wir noch schlafen dürfen nachts und nicht von Licht überströmt werden? Nachhaltigkeit beinhaltet gesellschaftliche Faktoren, Umweltfaktoren und wirtschaftliche Aspekte. Wir alle sollten uns dieser ganzheitlichen Betrachtungsweise verpfl ichtet fühlen.

Lux Select:  Vielen Dank für das Gespräch!


Das Gespräch führte Andrea Rayhrer.

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Website von Ulrike Brandi Licht