Gabriele und Volker von Kardorff

Licht ohne Nebenwirkungen

Mit gezielter Lichtplanung gestaltet das Berliner Büro Kardorff Ingenieure die vierte Dimension der Architektur.

„Museumsprojekte sind einfach und zugleich die schwierigsten. Einfach, weil meist ein langer Zeitraum zur Verfügung steht, es eine Fülle von Referenzobjekten gibt und die Planungspartner über ein hohes Grundverständnis für die Qualität von Licht verfügen. Die Schwierigsten, weil die Planungspartner die höchsten Anforderungen an die Qualität und die Präzision des Lichtentwurfs haben, der hohe Anspruch an die Architekturbeleuchtung nicht selten im Widerstreit zur Ausstellungsbeleuchtung steht, und die Entscheidungsprozesse von Museumsprojekten oft sehr kompliziert sind, weil sie von vielen Planungspartnern auf der Bauherrenseite betreut werden.“
 

Neue Museum in Berlin
Gabriele und Volker von Kardorff wissen um die spezielle Herausforderung der Museumsbeleuchtung. Neben Büro- und Verwaltungsgebäuden, Shopping-Malls und Entertainment Center, Restaurants und Bars, Industriegebäuden und Hotels hat das Lichtplanungsbüro Kardorff Ingenieure u. a. das Beleuchtungskonzept für das Pergamonmuseum in Berlin, das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn und – last but not least – für das im Oktober 2009 wiedereröffnete Neue Museum in Berlin entwickelt. Verantwortlich für die Tages- und Kunstlichtplanung des Neuen Museums begann das Büro im Jahr 2000 unter der Federführung von Gabriele von Kardorff ein Lichtkonzept zu entwickeln, ohne eine wirklichkeitsnahe Vorstellung darüber, wie die Räume nach der Fertigstellung wirken würden. Zum Teil war das Gebäude im Ruinenzustand. Verschiedene Oberflächen, das Zusammenwirken von historischen und neuen Elementen, wie Sonnen- und Blendschutz, würden dem Gebäude eine neue Prägung verleihen.

Von August Stüler ursprünglich als reines Tageslichtmuseum mit großen Fenstern und glasüberdachten Innenhöfen konzipiert, besaß das Gebäude früher keine künstliche Beleuchtung. Um sich ein Bild über die Tageslichtqualitäten des Gebäudes machen zu können, begannen die Planer daher mit einer intensiven, dreidimensionalen Analyse. Sie erstellten auf der Basis des 3D-Modells einen Simulationsfilm, der durch das Museum führte und den direkten Sonnenlichteinfall im Tages- und Jahresverlauf zeigte. Zusätzlich wurden die Sonnenverläufe auf den Gebäudefassaden für ein Sonnen- und Blendschutzkonzept untersucht. Diese Vorgehensweise führte zu einem hohen Verständnis für die Lichtführung des Stüler’schen Baus. Aufgrund der Simulation konnte ein Kunstlichtkonzept entwickelt werden, das den Tageslichtentwurf stützt und auf die spezifischen Tageslicht-Einfallsrichtungen reagiert.

Die Neuillumination des Brandenburger Tores: „Für uns ein Schlüsselprojekt“
Erst begreifen, dann beleuchten – lautet die Philosophie, welche die Arbeit von Kardorff Ingenieure bestimmt. Die Auseinandersetzung mit dem Umfeld, der Architektur und der Nutzung, die intensive Analyse mit detaillierter 3-D Visualisierung geht jedem Projekt voraus. Bilder sind dabei wichtiger als Worte. „Wir erzeugen Bilder in den Köpfen und bauen gewisse Stimmungsbilder und Erwartungshaltungen auf. Wenn das Gebäude fertig ist, müssen wir diesen auch gerecht werden“, führt Gabriele von Kardorff aus. Dies ist umso mehr eine Herausforderung, wenn eine Planung komplett auf dem Papier und am Computer erfolgt – wie zum Beispiel 2002 die Neuillumination des Brandenburger Tores: „Für uns ein Schlüsselprojekt,“ so Volker von Kardorff, „nicht nur weil es sich um ein Wahrzeichen Berlins handelt, sondern auch weil wir damit das Versprechen eingelöst haben, technisches Licht konsequent am Computer zu planen, zu visualisieren und umzusetzen. Installiert, angeschaltet, fertig – bis zum heutigen Tag wurde nichts geändert.“

Das Alte Stadthaus in Berlin-Mitte
Das gilt auch für eines der jüngeren Projekte, das Alte Stadthaus in Berlin-Mitte. Seit März letzten Jahres wird die Fassade mit einer neuen Projektionstechnik inszeniert, die es ermöglicht, mithilfe von Glasfiltern das Licht gezielt auf der Fassade auszublenden, so dass nur die gewünschten Flächen angestrahlt werden. Doch ausschlaggebend für den Einsatz dieser Technik waren nicht nur die lichtgestalterischen Möglichkeiten in der Fassadenanstrahlung. „Wir entschieden uns für den Einsatz dieser Technik auch, um den Energiebedarf so gering wie möglich zu halten,“ betont Volker von Kardorff. Weniger als ein Watt pro Quadratmeter Fassadenfläche ist notwendig, um das Gebäude in Szene zu setzen. Aufgaben möglichst effizient und mit angemessenem Einsatz der Mittel zu lösen, ist eines der Prinzipien des Ingenieurwesens und zählt zu den Selbstverständlichkeiten bei Kardorff Ingenieure. „Es ist mehr als richtig, dass der Bauherr von uns fordert, ihm Kostenoptimierung zu gewährleisten bzw. ihm aufzuzeigen, dass er bei dieser Budgetierung keine vernünftigen Produkte mehr bekommen und kein nachhaltiges Ergebnis erzielen wird.“

Und noch etwas weiß man bei Kardorff Ingenieure besonders gut: „Die erste Entwurfsleistung ist, die richtigen Fragen zu formulieren“, beschreibt Gabriele von Kardorff die für das Büro so charakteristische Vorgehensweise. Die Erfahrung hat gezeigt, dass es genau dieser analytischen Fähigkeit bedarf, um das abstrakte Medium Licht in der Tiefe begreifbar zu machen.


Über Kardorff Ingenieure
Kardorff Ingenieure ist international in allen Bereichen der Kunst- und Tageslichtplanung tätig. „Erst begreifen, dann beleuchten“ – diese Philosophie prägt die Arbeit des Büros und führt zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Umfeld, der Architektur und der Nutzung.

1997 gegründet, wird das Büro von Gabriele und Volker von Kardorff geführt. Das erfahrene Team aus 16 Architekten und Ingenieuren aus verschiedenen Fachrichtungen stammt aus acht Nationen und ist in Berlin, Dubai und Jeddah vertreten.

Website von Kardoff Ingenieure