Helmut Angerer, Conceptlicht

Ungleichmäßigkeit als Qualität

Unweit vom Chiemsee, im beschaulichen Traunreut, lebt und arbeitet Helmut Angerer. Seine Passion ist die Lichtplanung. Mit seinem Büro Conceptlicht erarbeitet er mit acht Mitarbeitern Lichtplanungen für nationale und internationale Projekte unterschiedlichster Couleur. Beleuchtungslösungen von der Stange sind seine Sache nicht. Vielmehr entwickelt der gebürtige Tiroler Lichtkonzepte, die sehr spezifisch auf die Architektur zugeschnitten sind.

Lux Select: Nach Ihrer zwölfjährigen Tätigkeit im Lichtlabor Bartenbach, gab es ein rund halbjähriges Intermezzo bei Siemens bzw. heute Siteco in Traunreut, bevor Sie sich im Jahr 1990 mit einem eigenen Lichtplanungsbüro selbstständig gemacht haben. Was war die Initialzündung für die Gründung von Conceptlicht?

Helmut Angerer: Bezeichnend war für mich zunächst die Erfahrung, dass mich ein Bauherr bei Siemens aufgestöbert hat und wollte, dass ich die Planung mache. Da bin ich schon hellhörig geworden: Warum geht Ungleichmäßigkeit als Qualität er nicht zu Bartenbach, dachte ich, warum sucht er mich? Wir haben das Projekt geplant, und ich habe in bestimmten Bereichen keine Siemens Produkte eingesetzt, sondern die für diese Aufgabenstellung am besten geeigneten Leuchten eines anderen Herstellers.

Lux Select: Sehr mutig, Produkte von der Konkurrenz einzuplanen!

Helmut Angerer: Das Grundübel ist, dass ich als Mitarbeiter eines Leuchtenherstellers die Planungen natürlich mit dem Produktportfolio abdecken muss, das mir die jeweilige Firma bietet. Es ist klar, dass ich dann die jeweiligen Aufgaben so nicht optimal lösen kann. Es gibt und es wird nie einen Hersteller geben, der alle Aufgabenstellungen aus seinem Programm abdecken kann.

Lux Select: Ihnen war also schnell klar, dass die Leuchtenindustrie nicht Ihre Heimat werden würde und Sie machten sich als unabhängiger Lichtplaner und Einzelkämpfer mit dem Projekt Naturkundemuseum Schloss Rosenstein selbständig.

Helmut Angerer: Das war in der Tat das Initialprojekt. Der damalige Museumsdirektor Prof. Ziegler kannte mich noch aus dem Büro Bartenbach, wir hatten seinerzeit zusammen den Museumsneubau für die Schausammlung am Löwentor in Stuttgart geplant. Als das Museum Schloss Rosenstein anstand, kam Prof. Ziegler wieder auf mich zu – und ich habe das Büro Conceptlicht gegründet und über einen Zeitraum von fünf Jahren an dem Projekt gearbeitet.

Lux Select: Welches Projekt war ein wichtiger Schritt in Ihrer Karriere?

Helmut Angerer: Eindeutig das Bahnsteigdach-Projekt von gmp. Im Jahr 1995 hat die Bahn einen Wettbewerb zum Bahnhof der Zukunft ausgeschrieben. Im Ergebnis wurden drei Architekturbüros aufgefordert, Pilotprojekte zu bauen. Bis auf eines hatten alle schon einen Lichtplaner im Boot. Ein Projektleiter der Bahn, mit dem ich in anderer Sache schon zusammengearbeitet hatte, fragte, ob er mich empfehlen dürfe. Selbstverständlich, antwortete ich – und der Kontakt zu gmp ist entstanden.

Lux Select: Was ist das Besondere am Beleuchtungskonzept für das Bahnsteigdach?

Helmut Angerer: Wir leuchten den Bahnsteig ungleichmäßig aus, geben sehr helles, gerichtetes Licht mit 600 lx dorthin, wo die größte Gefahr ist, nämlich auf die Bahnsteigkante, und lassen die Beleuchtungsstärke auf 100 lx in der Mitte abschwellen, dort, wo sich die Wartenden aufhalten und wohlfühlen sollen.  Das war zur damaligen Zeit sehr ungewöhnlich und wurde von der Bahn zunächst als Planungsfehler, ja sogar als Affront eingestuft – insbesondere da wir ursprünglich ein Beleuchtungsstärkeverhältnis von 1:10 geplant hatten mit 80 lx in der Mitte und 800 lx an der Kante. Das Regelwerk lässt maximal 1:3 zu. Es hat mehr als ein Jahr gedauert, ging bis zur obersten Behörde, dem Eisenbahnbundesamt, bis das Konzept genehmigt wurde. Eine Besonderheit stellen auch die rechteckigen, asymmetrisch strahlenden Downlights dar.

Lux Select: Es scheint, als impliziere Ihr Planungsansatz den Konflikt mit dem Regelwerk a priori …

Helmut Angerer: Das Regelwerk, die damalige DIN 5035 und die TU 954.9103 der DB, tut ja so, als ob Gleichmäßigkeit immer eine Qualität sei, und das ist einfach falsch. Die Ungleichmäßigkeit, richtig angewandt, ist ebenso eine Qualität. Es gibt auch Fälle, in denen wir penibel auf die Gleichmäßigkeit achten, aber aus meiner Erfahrung würde ich sogar sagen, dass in der Regel die Ungleichmäßigkeit häufiger eine Qualität ist als die Gleichmäßigkeit. Doch mit der Ungleichmäßigkeit umzugehen, ist viel gefährlicher, da man schnell etwas falsch machen kann. Mit der Gleichmäßigkeit ist man immer auf der sicheren Seite, zumindest, was das Regelwerk betrifft. Ob den Leuten das gefällt, wer fragt danach? Wir machen unsere Planungen aber nicht für Regelwerke oder für die Medien, sondern für die Menschen, die sich an dem Ort wohl fühlen sollen und ihn in angenehmer Erinnerung behalten.

Lux Select: Was muss eine gute Lichtplanung leisten?

Helmut Angerer: Im Idealfall verleiht das geplante Licht der Architektur, den Räumen und Objekten die gewünschte Bedeutung, lenkt zum Beispiel die Aufmerksamkeit an bestimmte Orte oder blendet sie aus, sorgt für gute Sehbedingungen, Orientierung und Sicherheit etc. Aufgabe einer guten Lichtplanung ist es, die Nutzungs- und Raumhierarchien aufzugreifen und herauszuarbeiten. Dazu sprechen wir sehr früh mit den Architekten  über Materialien und Oberflächenbeschaffenheiten, erarbeiten eine Bedeutungshierarchie und bauen die Lichtgestaltung so auf, dass diese Bedeutungshierarchie mit den  Leuchtdichte- und Helligkeitswerten deckungsgleich wird.

Lux Select: Hat sich Ihre Herangehensweise an die Lichtplanung im Laufe der Jahre verändert?

Helmut Angerer: Ihre Frage habe ich mir auch schon oft gestellt. Nein, die Herangehensweise hat sich nicht verändert, aber sie wurde verfeinert. Was früher, gerade in der Anfangszeit so ein Bauchgefühl war, wird jetzt rationaler gehandhabt. Das Bedeutungshierarchie-Prinzip zum Beispiel habe ich damals noch nicht so klar erkannt, aber trotzdem danach gehandelt. Wir haben seit 1990 nichts korrigiert, sind uns mancher Dinge doch jetzt bewusster. Und mit jedem realisierten Projekt haben wir mehr Sicherheit gewonnen.

Lux Select: Was macht Ihr Erfolgsrezept aus?

Helmut Angerer: Fantasie, Einfühlungsvermögen, Sensibilität, Durchsetzungsvermögen, das Streben nach Qualität – und zwar in jeder Hinsicht. Es gibt kein Patentrezept, jede Aufgabenstellung ist stets neu zu hinterfragen.

Lux Select:  Herr Angerer, vielen Dank für dieses offene Gespräch.


Das Gespräch führte Andrea Rayhrer.

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